Reality TV

Scripted Reality: Medienrat fordert stärkere Kennzeichnung

Medienkontrolleure fordern eine Regulierung sogenannter "Scripted Reality"-Formate im Fernsehen und fordert die Verantwortlichen der Sender daher zu einer deutlicheren Kennzeichnung dieses Genres auf. Der Zuschauer soll klar erkennen können: Das hier ist nicht das echte Leben. Das eigentlich Traurige an der Meldung ist, dass solch eine Kennzeichnung tatsächlich nötig zu sein scheint. Doch was genau soll damit dem Zuschauer klargemacht werden?

Scriped Reality - Familien im Brennpunkt

Welche Merkmale zeichnet eine „Scripted Reality“ aus?

Als Scripted Reality, Skript-Doku bzw. Pseudo-Doku oder auch als Pseudo-Doku-Soap bezeichnet man das Genre des Reality-TV, in dem eine Reality-Show nur vorgegeben wird, die Szenen jedoch von Schauspielern (meist Laiendarstellern) nach Regieanweisung (Skript) gespielt werden. Thematisch werden meist alltägliche, zwischenmenschliche Situationen dargestellt, die mittels planmäßiger dramaturgischer Inszenierung (Drehbuch/Skript) reale Authentizität vortäuscht und somit den Anschein einer realen Dokumentation oder Reportage erwecken sollen.

Ist eine Kennzeichnung von „Scripted Realities“ wirklich nötig?

Ja, eine besondere Kennzeichnung wurde laut Medienrat – Lothar Hay, Vorsitzender des Medienrats der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein(MA HSH) – als tatsächlich notwendig eingestuft und ist einem Armutszeugnis für unsere heutige Medienkultur gleichzusetzen. Die Begründung, vor allem Kinder und Jugendliche bräuchten diese Kennzeichnung, um die notwendige Distanz zu den Formaten entwickeln zu können, ist unbestritten, da die auf maximalen Effekt konstruierten Pseudo-Dokus tatsächlich häufig für ein Abbild der Realität gehalten würden. Weitaus wichtiger wäre es aber, solche TV-Formate dieser Zielgruppe erst dann zugänglich zu machen, wenn sie eine solche Distanz auch ohne entsprechenden Hinweis entwickeln können. Seit einiger Zeit weist RTL in seinen Scripted Reality-Formaten zwar schon darauf hin, dass alle darin handelnden Personen „frei erfunden“ seien, doch das genügt dem Medienrat noch nicht.

Was zieht den Zuschauer zur Scripted Reality?

Das Interesse des Publikums an Scripted-Reality-Formaten ging inzwischen zwar deutlich zurück, Sendungen wurden abgesetzt, zu späterer Stunde ausgestrahlt oder es wurde ihnen ein Programmplatz zugewiesen, der im Schlepptau zu anderen und vor allem beliebteren Formaten dann marktanteiltechnisch noch etwas „Quote“ mitbekam. Doch noch immer strahlen einige Privatsender Tag für Tag, über Stunden hinweg, Formate dieses Genres aus. Die frei erfundenen Geschichten bedienen häufig bestehende Vorurteile und begünstigen eine gewisse Neigung zu Voyeurismus und Vulgarität beim Zuschauer. Diese Erkenntnis ist keine gute. Ob sie sich „Betrugsfälle“, „Mitten im Leben“, „Familien im Brennpunkt“, „Schulermittler“, „Familien- “ oder auch „Verdachtsfälle nennen, sie haben alle dasselbe Kennzeichen, es wird geschrien, geflucht, geheult, Neid, Missgunst und Kriminalität sind die emotionalen Aufhänger der Stories.

Sehen sich die Sender in der Verantwortung und ziehen Konsequenzen?

Wenn Einschaltquoten maßgeblich sind und diese bei den Scripted-Reality-Formaten weiterhin so abrutschen, könnte sich das Thema allerdings auch von selbst erledigen. Vor Kurzem noch konnte man Marktanteile von mehr als 30 Prozent in der Zielgruppe verbuchen, jetzt kämpfen diese Formate sich kaum an den Senderschnitt heran, bleiben häufig einstellig. Deshalb wird RTL ab dem 14. September, zumindest samstags, fast vollständig auf die Ausstrahlung dieser gescripteten Alltagsreportagen verzichten.

Erschütterndes Ergebnis einer Studie

Eine Studie – laut Spiegel.online – besagt, dass die Hälfte der jungen Zuschauer z. B. die RTL-Pseudo-Doku „Familien im Brennpunkt“ für bare Münze nimmt, dass Wirklichkeit und Fiktion nicht unterschieden werden. Die Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens befragte dazu 861 junge Menschen im Alter von sechs bis achtzehn Jahren. Fast jeder Dritte in dieser Altersgruppe war der Ansicht, dass das Kamerateam die tatsächlichen Erlebnisse der gezeigten Familien dokumentiert. Nur 22 Prozent gaben an, sie wüssten, dass es sich um erfundene Geschichten handelt. Das zeigt, dass die Verwirrung über solche Sendungen groß ist und ein verzerrtes Bild von Menschen und Milieus vermittelt.

Fazit des Medienrates nach Veröffentlichung der Studie:

Medienratvorsitzender Lothar Hay: „Vor allem Kinder und Jugendliche sollen sicher erkennen können, was Wirklichkeit oder eben nur gestellte Wirklichkeit ist. Die Grenze zwischen beidem zu verwischen oder gar aufzuheben, schadet der Glaubwürdigkeit des Fernsehens.“ Der Medienrat wolle einen Beitrag dazu leisten, dass Zuschauer „von sich aus die notwendige kritische Distanz zu diesen Formaten einnehmen können“. All das soll im Sinne des Ziels der Vermittlung von Medienkompetenz geschehen.
Diese Erkenntnis und das Handeln des Medienrates kommt vermutlich zu spät, denn jahrelang brachten die Privaten ein Format dieser Art nach dem anderen und schaute nicht auf deren Wirkung, sondern nur auf die erhofften Quoten und Marktanteile. Fragt man sich aufgrund des Studienergebnisses nicht zwangsläufig, „wo waren deren Eltern“, während sich die Kids solchen Müll anschauten!?
Fazit der kritischeren Zuschauer: Besser später als nie und bevor man in Zukunft erneut ähnlich geartete Pseudo-Realty-Stories auf den Markt wirft, einfach mal überlegen „würde ich meine eigene Tochter, meinen eigenen Sohn bei dieser Sendung vor den Bildschirm setzen wollen?“

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